Elvira Rosert
Elvira Rosert

@elvira_rosert

21 Tweets 7 reads Oct 22, 2022
Ein Thread über Stress und warum viele Eltern so viel davon haben.
Stress entsteht bekanntermaßen durch ein Missverhältnis zwischen Zeit und Aufgaben.
Kinderhaben kann auf beide Seiten wirken: das Zeitbudget verringert sich während die Menge an Aufgaben explodiert.
Haushaltsaufgaben werden mehr - die Zeit, die man dafür hat, weniger.
Früher hat man nach der Arbeit eingekauft, den Haushalt geführt, Papierkram erledigt, Sport gemacht, Freunde gesehen, DINGE UNTERNOMMEN.
Nun kümmert man sich nach der Arbeit um die Kinder.
Die anderen Dinge?
Tja. Ein Teil geht je nach Art der Aufgabe, Alter und Charakter des Kindes natürlich parallel. Multitasking ist aber nicht schön und auch nicht effizient, erst recht nicht, wenn man ständig Aufgaben unterbrechen muss. Und kindgerecht ist es schon gar nicht.
Weder gehört ein Kind nach 8 Stunden Kita in den Supermarkt (mit 2 und mehr Kindern: living hell) noch ist es für Kinder angenehm, wenn das Elternteil immer noch etwas anderes nebenher machen muss, sei es „nur“ die Spülmaschine ausräumen. Ungeteilte Aufmerksamkeit: pustekuchen.
Einen anderen Teil der Aufgaben kann man einfach nicht mit wachen Kindern machen. So wichtige Dinge wie Steuererklärung, Urlaubsbuchungen, Behördenpost. Das liegt da und wartet bis die Kinder schlafen, wird dann aufs WE geschoben, was absurd ist, weil die Kinder sind ja da.
Zum Thema Schlaf: Manche Kinder sind um 19 Uhr im Bett und schlafen ihre 12 Stunden. Ich weiß es, denn eines von meinen Kindern war als Kleinkind so. Wer so ein Kind hat: Jackpot. Dann ist (fast) alles noch drin abends, von Arbeiten bis Bücher lesen.
Andere Kinder brauchen von Anfang an 2-3 Stunden weniger Schlaf pro Tag. Auch so eines habe ich. Zack, 15-20 Stunden pro Woche weniger für DINGE. Das ist ein halbe Vollzeitstelle.
Noch ein paar Aspekte, die ich schon länger klarstellen wollte:
1. Ein beliebter Tipp ist, Standards herunterzuschrauben. Die meisten denken dabei an Sauberkeit oder dass die Kinder auch mal Cornflakes zum Abendessen essen dürfen und nicht nur frisch gekochtes.
Ha. Hahaha. Haa.
Das ist einfach nicht der Punkt. Klar kann man einige Abstriche machen. Ich glaube, darauf kommen die meisten Eltern recht schnell.
Nur liegt das Problem hier nicht bei der Kür, sondern bei den vielen Pflichten, die einfach nur *irgendwie* zu machen, auch schon zu viel sein kann.
Was zum Beispiel? Na zB: Das Geld für die Klassenfahrt *muss* überwiesen werden; wenn das Kind zum Geburtstag eingeladen ist, braucht es ein Geschenk; wenn es nicht mehr in die Gummistiefel passt, müssen andere her. Und zur Zahnärztin geht es besser auch regelmäßig.
2. Großeltern. Sind grundsätzlich eine großartige Sache und eine Riesenhilfe. Eine, die eigentlich alle Eltern bräuchten und gleichzeitig eine, die ihnen in sehr unterschiedlichem Maße zur Verfügung steht. Und oft auch einen Preis hat.
Manche Großeltern leben nicht mehr oder nicht in der Nähe oder sind nicht fit genug. Andere betreuen die Kinder nicht nur im Alltag regelmäßig, sondern nehmen sie zB einfach mal zwei Wochen mit zu sich.
Ob man wenigstens einmal im Jahr solche Wochen oder auch nur Tage hat, ist ein Unterschied ums Ganze.
Das andere Extrem sind Großeltern, die selbst hilfsbedürftig sind - manche Eltern sind dadurch in einer Art Care-Zange.
3. Kein Kind läuft so mit, zumindest nicht dauerhaft, phasenweise natürlich schon. Es gibt Skaleneffekte, logo, aber die Bedingungen zu schaffen, dass sich diese materialisieren, ist auch Arbeit (zB Hobbys, Besuche und Abholzeiten koordinieren).
Dh im Klartext: mehr Kinder = mehr Arbeit. Banale Dinge wie jeden Morgen eine weitere Brotdose, mehr Wäsche, mehr Arzttermine, mehr Freizeittermine, mehr emotionale Arbeit. Oh Gott, und mehr Elternabende und Kindergeburtstage.
4. Ich kann nur von Städten schreiben, weil nur da Erfahrungen, aber die Autozentrierung ist auch eine zeitliche Belastung, weil sie die eigenständige Mobilität der Kinder behindert. Eine gute Verkehrsplanung ermöglicht, dass Kinder alleine Rad fahren, zB zum Hobby.
5. Stress ist weniger eine Frage der Organisation, sondern erst einmal eine objektive Begebenheit, die mit Sorgearbeit einhergeht. Wie stark er ausfällt, hängt von einigen Bedingungen ab, die man beeinflussen kann und anderen, die schlicht Glück sind.
Vor allem aber hängt das Stresslevel von einem Faktor ab: Ressourcen. Sie schaffen Zeit und Entlastung durchs Delegieren an andere. Deshalb lache ich auch nicht über Herrn Lindner, denn seine Vorstellungen dürften mit seinen Ressourcen durchaus realistisch sein. 🐝 🎣🎓
P.S. Ich weiß, dass diese Beobachtungen banal, vorhersehbar, gut erforscht sind und öffentlich diskutiert werden. Trotzdem finde ich es faszinierend, wieviele da erst einmal hineinrennen und dann auch noch denken, sie seien die einzigen, denen es so geht.
P.P.S. Ganz vieles fehlt hier. (Chronische) Krankheiten bei Kindern und Eltern beispielsweise oder Trennungen. Die Erfahrung habe ich nicht, aber man kann extrapolieren. Lösungsansätze fehlen auch, aber die kennt man ja auch aus der öffentlichen Diskussion.

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